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150 Jahre Freiwillige Feuerwehr in
Biebrich / Technisch immer auf dem neusten Stand
Veröffentlicht im
"Wiesbadener Kurier" am 8. Juni 2001
An diesem Wochenende feiert die Freiwillige Feuerwehr Biebrich ihren 150. Geburtstag. Dabei spiegelt die Geschichte der Wehr auch die Geschichte des bis 1926 als Stadt selbständigen
Wiesbadener Ortsteils wider.
Wenn es um ihre Ausrüstung ging, dann waren die Biebricher Feuerwehrleute schon am Anfang des Jahrhunderts bemüht, technisch immer auf dem neuesten Stand. Stolz
waren sie auf die erste Dampfspritze, die 1908 angeschafft wurde. Doch das technische Wunderwerk hielt nicht besonders lange: Schon im
Januar 1910 kippte das Fahrzeug beim Einbiegen von der heutigen Wilhelm-Tropp- in die Rathausstraße um. „Die
dampfgetriebene Spritze hatte vorne nur ein Rad", erklärt Georg Sack an Hand eines Bildes. Der heute 75-jährige ehrenamtliche Leiter des Biebricher Heimatmuseums arbeitete bis zur Pensionierung bei der Berufsfeuerwehr Wiesbaden und hat das Museum mit aufgebaut. „Und auf der vorderen Achse ruhte auch noch das gesamte Gewicht der transportierten Schläuche. Das war technisch wohl nicht ausgereift."
Die Vorderachse der Dampfspritze war gebrochen. Da der Dampfkessel, der den Wasserdruck erzeugte, intakt war, wurde das Gefährt umgebaut
und künftig von Pferden gezogen. Bei dem Unfall wurde ein Passant durch den heißen Dampf schwer am Bein verletzt. „Während einer Ausstellung im Heimatmuseum über das Biebricher Löschwesen kam einmal ein alter Herr auf mich zu", erinnert sich Sack. „Er krempelte sein Hosenbein hoch und zeigte mir die Verbrennung. Der alte Herr war das Opfer des Unfalls."
„Früher musste ein Brautpaar in Biebrich nach der Hochzeit einen Gulden geben, um einen Löscheimer zu kaufen", berichtet Sack aus einer Zeit, in der es noch keine Wehr gab. Gesetzliche Regelungen
kamen erst im 18. Jahrhundert auf. Damals waren die Menschen durch Erlass des nassauischen Fürsten verpflichtet, bei Bränden mitzuhelfen.
Die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr Biebrich 1851 steht in engem Zusammenhang mit der bürgerlichen Revolution
von 1848. Nach ihrem Scheitern sammelten sich die nach Demokratie und einem einheitlichen Staat strebenden Menschen zunächst in
Gesang- und Turnvereinen. Vielfach wurden diese von der monarchistischen Obrigkeit
verboten. Und so forderten einige Politiker zur Bildung Freiwilliger Feuerwehren auf. Zudem waren Feuerwehren angesichts der mit der Industrialisierung sprunghaft steigenden Bevölkerungszahl und entsprechender Bebauung sowie der Risiken durch moderne Fabrikanlagen dringend nötig. Bei ihrer Aufstellung umfasste die Biebricher Wehr an die 300 Mann. Außer den um die fünf vorhandenen Feuerspritzen herum eingesetzten - der Fürst achtete wegen seines Schlosses auf eine gute technische Ausstattung - wurden die
Feuerwehrleute verschiedenen Einsatzbereichen zugeteilt. Dabei wurde aus Sicherheitsgründen darauf geachtet, dass nur Zimmerleute,
Maurer und Dachdecker auf die langen Leitern steigen mussten: Sie waren die Höhe von Berufs wegen gewohnt. Dazu kamen die Träger der Pechpfannen, die beim Einsatz Licht spendeten.
Zusätzlich zu den Rettungsmannschaften fürs Mobiliar mussten auch Männer abgestellt werden, die das gerettete Eigentum anschließend bewachten.
„Finanziert wurden die Feuerwehren im 19. Jahrhundert ähnlich wie heute durch die Gemeinde. Es gab schon
kommunale Abgaben zu diesem Zweck", hat Sack herausgefunden. Geld gaben auch die Brandschutzversicherungen, die Fürst Friedrich August von Nassau 1806 einführte.
Auch räumlich ist die Biebricher Wehr eng mit der seit 1891 mit Stadtrechten versehenen Gemeinde verbunden. Der Bau, der noch heute als Feuerwache dient, war ursprünglich ein Erweiterungsbau des Rathauses von
Biebrich-Mosbach, der 1886 eingeweiht wurde. Heute befindet sich im alten Rathaus ein Polizeirevier. Erst kürzlich haben die Mitglieder der Biebricher Wehr die Räume renoviert, die sie seit dem Umzug der Wiesbadener Berufsfeuerwehr von der Wilhelm-TroppStraße nach
Kastel vor sieben fahren nur noch mit den Sanitätswagen teilen müssen.
Die damals „Rathaus-Nebenbau" genannten Räume waren auch der Ort, an dem von 1928 an die „Schuster-Feuerwehr" arbeitete. „Da haben Schuster gelebt und gearbeitet - auf eigene Rechnung. Wenn Feuer
ausbrach, konnte sie sofort ausrücken", erläutert Sack die weit verbreitete Einrichtung. Nachts übernahmen Bauhandwerker den Dienst, die nach der Arbeit auch in den Räumen wohnten. Die „Schuster-Feuerwehr" war eine Zwischenstufe in der Entwicklung von der Freiwilligen hin zur Berufsfeuerwehr. Sie sicherte
sofortige Einsatzbereitschaft den ganzen Tag über. Nach Kriegsende übernahm die Berufsfeuerwehr ihre Aufgaben.
Am häufigsten musste die Biebricher Wehr während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg ausrücken. Zwischen dem ersten Fliegeralarm am 24. Mai 1940 und dem letzten am 26. März 1945 heulten 778 Mal die Sirenen über Biebrich, die Einsätze der Wehr sind ungezählt. Das Nazi-Regime hatte die
Feuerwehren zwar nicht „gleichgeschaltet", sie aber mit militärähnlichen Uniformen ausgestattet und bei Fliegerangriffen dem Polizeichef als Luftschutzleiter unterstellt. Mehr über diese Zeit erzählt eine zehnminütige, von Georg Sack zusammengestellte Diaschau über die „Freiwillige Feuerwehr Biebrich im Zweiten Weltkrieg". Sie ist mittwochs und donnerstags zwischen 16 und 19 Uhr und nach telefonischer
Vereinbarung (0611 / 65745) im Biebricher Heimatmuseum zu sehen.
Kai Makus |
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