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der FF Wiesbaden-Biebrich |
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| "Überlebenschance gleich Null" | ||
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Die Profis der Rettungskräfte wehren sich
gegen Besserwisserei und Vorwürfe
Veröffentlicht im "Wiesbadener Kurier" am 04. November 2003 Wiesbaden. Die Opfer von Dotzheim hatten keine Überlebenschance. Und die Feuerwehr keine wirkliche Rettungschance. Dessen ungeachtet wurden Stimmen laut, die es besser wissen wollen. "In einem solchen Flammenmeer ist die Überlebenschance gleich Null", stellt Wiesbadens Feuerwehr-Chef Harald Hagen klar. "Wir hätten die Toten höchstens früher bergen können. Doch um welchen Preis?" Wer den Unglücksort gesehen hat, weiß, was Hagen meint: Stunde um Stunde arbeiteten die Rettungskräfte unter hohem persönlichen Risiko an einem einsturzgefährdeten Haus, wo jede kleine Erschütterung weiteres Menschenleben hätte kosten können. Unkalkulierbare Risiken seien nicht zu verantworten, sagt Hagen. Kalkulierbare Risiken nur dann, wenn Hoffnung besteht. Doch das war am Samstag bald nicht mehr der Fall. Den professionellen Rettern stößt auf, dass vereinzelt Stimmen laut werden, die den Großeinsatz in der Erich-Ollenhauer-Straße kritisieren. Noch während des Einsatzes hatten einige Schaulustige besserwisserisch "Brandmeister" gespielt. "Verwunderung" hatte unter anderem ausgelöst, dass es viele Stunden dauerte, bis mit den eigentlichen Bergungsarbeiten begonnen worden war. Was die "Fachleute" am Straßenrand auch nicht annähernd einschätzen konnten, war die Gefahr. Das Bergen war erst möglich, nachdem den Trümmern ein "sicherndes Korsett" verpasst worden war. Kommentiert wurde auch, dass das Großaufgebot der Retter nicht immer zeitgleich am Ort des Geschehens im Einsatz war. Hagens Antwort ist eindeutig: Es seien stets so viele vor Ort gewesen, wie unbedingt gebraucht wurden. Reserve, Ausruhen - all dies sei Teil eines Einsatzkonzeptes. Als bekannt wurde, dass zwei der Opfer, die 26-jährige Seher F. und ihr kleiner Sohn Zuflucht ins Badezimmer genommen hatten und dort, fast ohne Brandwunden, tot gefunden worden waren, wurden Spekulationen neu entfacht. "Vielleicht hätten sie doch gerettet werden können." Gar von Klopfgeräuschen ist die Rede. Es ist eher Wunsch denn Fakt. Für Profi Hagen gibt es kein "vielleicht" und "hätte". Das sieht auch Kriminalhauptkommissar Udo Sprenger keinen Deut anders. Wahrscheinlich waren alle drei Opfer bereits tot, als die Feuerwehr eintraf und sich einem Flammenmeer gegenüber sah. Als erstes starb die 17-jährige Aslihan Ö. Die 17-Jährige verbrannte im ersten Stock bei lebendigen Leib, wie die Obduktion gestern ergab. In der Lunge der Toten fanden sich kaum Hinweis von Rauchgas. Aslihan hatte statt Diesel Superbenzin in den Ölofen gefüllt. Sie war unmittelbar von der Verpuffung und dem Brand betroffen. Anders bei Seher und ihrem kleinen Sohn im zweiten Stock. Dorthin hatte das Feuer blitzartig übergegriffen. Der Umstand, dass ihre Körper kaum Brandwunden aufweisen, legt für die Ermittler den Schluss nahe, dass sich die junge Türkin vor den Flammen ins kleine Bad geflüchtet haben muss. Und dort erstickten Mutter und Kind binnen kurzer Zeit. In den Lungen fanden sich Ruß und Rauchgas-Hinweise. Eine Chance hatten Mutter und Kind nie: Vom kleinen Bad führte keine Tür ins Treppenhaus, vor der einzigen Tür loderten die Flammen. Das Bad war im Flammenmeer mit Temperaturen von weit über 1000 Grad für die Rettungskräfte überhaupt nicht auszumachen. Zwischen Alarm um 10.29 Uhr und Ausrücken der Feuerwehr verging keine Minute, in nicht einmal vier Minuten waren die ersten Feuerwehrleute vor Ort. Allein zwei Stunden war die Feuerwehr beschäftigt, den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Flammen, Hitze und Rauchgas hatten da längst schon alles Leben im Haus ausgelöscht. Es war überhaupt nicht daran zu denken, auch nur einen Fuß in das einsturzgefährdete Haus zu setzen. "Man muss sich auch zur Ruhe zwingen, und nichts Überstürztes tun", sagt Feuerwehr-Chef Hagen. Reiner Aktionismus bringe nichts, stellt er klar. Um 14 Uhr, dreieinhalb Stunden nach Ausbruch des Feuers, traf Hagen die Entscheidung, dass die Personenrettung aufgegeben wird. Auch dem Einsatz eines Baggers zur Bergung ging eine Abwägung vor: Mensch oder Maschine? Sie fiel in Anbetracht der großen Einsturzgefahr für den Bagger. "Alles andere hätte nur die Helfer in Gefahr gebracht", sagt Hagen. Oberbürgermeister Hildebrand Diehl dankte gestern den Rettungskräften. Sie hätten alles getan, um die Vermissten zu retten. Deren Angehörige wurden von einigen Fotografen regelrecht verfolgt. Selbst dann, als Helfer die Betroffenen in einen Bus brachten, fand das Treiben kein Ende. Es mussten Laken gespannt werden, um die Verzweifelten vor den Nachstellungen zu schützen. Die meisten Mieter des dreigeschossigen Hauses kamen bei Freunden und Verwandten unter. Zwei Betroffene nahmen Hilfe der Stadt in Anspruch. Das Unglück hatte viele Gaffer angelockt, aber auch Wiesbadener sehr betroffen gemacht. Für die Klarenthalerin Gerlinde Eckert ist es ein Akt der Solidarität und der Selbstverständlichkeit, Hilfe anzubieten. "Man kann sie doch nicht alleine lassen." Kopfschütteln herrscht noch immer darüber, dass die Familie Ö. Brennstoff an der Tankstelle holte. Auch die Ö.´s sollen einen Öltank im Keller haben, wie die anderen Mieter. Aus finanziellen Gründen habe man aber den "Kannen-Weg" gewählt. Es war lange gut gegangen, bis Aslihan am Samstag Diesel und Super verwechselte. "Ein liebes Mädchen. Sie hatte sich so sehr gefreut, dass sie eine Stelle gefunden hatte. Sie wollte Zahnarzthelferin werden", beschreibt eine Nachbarin. Wolfgang Degen |
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