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| Kerzen für die ermordeten Kinder | ||
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Gottesdienst zum Gedenken an Opfer von
Beslan / Hat Gott seine Gnade vergessen? Im Mittelpunkt eines ökumenischen Gottesdienstes in der Bonifatiuskirche standen die Opfer von Beslan. Veröffentlicht im "Wiesbadener Tagblatt" am 13. September 2004 Nachdenklich steigt die ältere Dame die Stufen zum Eingang der Bonifatiuskirche hinauf. Die Wiesbadenerin kommt jeden Abend hierher, aber heute ist ihr der Besuch im Gotteshaus besonders wichtig: "Was in Beslan passiert ist, ist einfach schrecklich", sagt sie voll aufrichtiger Trauer. "Aber ich finde, es gibt immer zwei Versionen", fährt sie fort, plötzlich sehr energisch. Vor lauter Kampf gegen den Terror werde empörend wenig darüber geredet, wie sehr die Tschetschenen unter den Russen leiden. "Für mich als Christin - oder einfach als Mensch - hat das Leben einen Wert, der wichtiger ist als Erdöl oder Aktienkurse." Gemessenen Schrittes tritt sie ein und sucht sich einen Platz auf den Bänken, die an diesem Freitag voller sind als üblich. Viele Wiesbadener sind zu einer ökumenischen Feier gekommen, um besonders der Kinder zu gedenken, die eine Woche zuvor in Beslan ermordet wurden. Der Gottesdienst wurde von der Freiwilligen Feuerwehr Biebrich angeregt. "Einer der Kameraden hatte die Idee, für die getöteten Kinder noch einmal eine ökumenische Feier abzuhalten", erzählt Wehrführer Günter Becker. "Also sprachen wir Dekan Heinemann an, und obwohl alles erst seit drei Tagen feststeht, sind erstaunlich viele Bürger gekommen." Das Thema brenne den Menschen offensichtlich auf der Seele, so Becker. Der Zwiespalt, der die Dame am Eingang bewegt hat, zieht sich auch durch den Gottesdienst: "Wir sind tief erschüttert von den Bildern ermordeter Kinder in den Armen ihrer Mütter und Väter", beginnt der evangelische Dekan Hans-Martin Heinemann. "Hat Gott seine Gnade vergessen?" So liest er aus den Psalmen und drückt so genau die Fassungslosigkeit aus, die die Menschen umtreibt. Doch auch die andere Seite der Medaille wird drastisch beleuchtet, wenn auch nicht so direkt. So ist es kein Zufall, dass der katholische Stadtdekan Ernst-Ewald Roth aus dem zweiten Buch Mose vorträgt: "Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört." Eine Anspielung auf die Unterdrückung der Tschetschenen durch die Russen? Stadtdekan Roth fragt er nicht nur, wo Gott vor einer Woche war, sondern auch: "Wo ist Gott, wenn Menschen zu Opfern von Menschen werden?" Die Antwort, die er darauf gibt, bleibt fast ein wenig unbefriedigend: "Gott ist immer auf der Seite der Opfer." Er sei bei denen, die umgekommen sind, und bei den Trauernden. "Da ist noch eine Frage", übernimmt Heinemann wieder das Wort: "Wo sind, wir, die Menschen, in einer Welt der Gewalt und des Tötens?" Diese Frage sei immer dann unausweichlich, wenn allein die Bilder von Ungerechtigkeit auf die Seele drückten - wie jetzt. Gerechtigkeit gebe es für die Menschen nur miteinander. Der Text aus dem zweiten Buch Mose enthalte auch die Vision eines friedlichen Zusammenlebens: Er verurteile die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken und biete als Lösung ein Leben in einem Land, wo auch andere Volker gemeinsam leben. Aber gerade in Situationen wir dieser ist es für die Menschen oft schwer, zu entscheiden, welches die gerechte Seite oder auch nur die Seite der Opfer ist. "Manchmal", so fährt Roth fort, "wissen wir nicht einmal, wie wir beten sollen." So sei es oft einfacher, seine Erschütterung stumm durch eine Kerze auszudrücken, lädt er die Gemeinde ein. Und so füllen sich die Stufen vor dem Altar langsam mit Lichtern, viele kleine Zeichen für die Anteilnahme der Wiesbadener. Anteilnahme für die Kinder und ihre Verwandten, aber auch für die Unterdrückten. Christan Albers |
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